„Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, sinkt die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft und damit auch unsere Fähigkeit, uns militärisch zur Wehr zu setzen.“

Hans-Otto Pörtner, Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und Mitglied des WBGU, über die Bedeutung von Umweltschutz für Sicherheit und die Hoffnung, durch den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen gewalttätigen Konflikten vorzubeugen.
Für seine aktuelle Lagebeurteilung „Sicherheit – nachhaltig und integriert“ hat der WBGU Umwelt- und Klimaschutz als einen Schwerpunkt gewählt. Weshalb ist dieser Aspekt wichtig, wenn es um Sicherheit geht?
Hans-Otto Pörtner: Der Klimawandel, der Verlust der Artenvielfalt, die Verschmutzung der Umwelt – das alles sind Prozesse, die der Mensch selbst ausgelöst hat, mit denen er nicht nur sich selbst, sondern auch der Natur und der Gesundheit der Ökosysteme schadet. Das schlägt auf ihn zurück, so dass die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft infrage gestellt ist.
Wie wirkt sich das aus?
Pörtner: Es wird erstmal die Schwächsten der Schwachen treffen, die unter diesen Umständen keinen gesicherten Lebensunterhalt mehr haben. Die Menschen in den niederen Breitengraden der Erde, in den Tropen werden die Konsequenzen am stärksten spüren. Aber auch in einer Gesellschaft wie der unseren, in der die sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich relativ groß sind, werden die Ärmsten besonders betroffen sein. Wer kein Geld hat, kann sich nicht an die Bedrohungen aus der Umwelt anpassen, kann sich beispielsweise keine Klimaanlage gegen Hitze leisten. Das ist ein Sicherheitsproblem, die Sicherheit des einzelnen ist in Gefahr.
Aber ist dieses Sicherheitsproblem angesichts der aktuellen Weltlage, in der vielerorts Kriege toben, wirklich vorrangig?
Pörtner: In der akuten Situation erscheint das vielleicht fraglich. Aber man muss bedenken, dass es immer einen Grund dafür gibt, warum Konflikte aufflammen. Es ist durchaus Stand der Forschung, dass der Klimawandel und damit verbundene Veränderungen wie Wasserknappheit oder Verödung der Böden die Sicherheit des einzelnen und der Gesellschaft gefährden können, etwa, indem sie die Polarisierung zwischen und innerhalb von Gesellschaften verstärken. Mancher Konflikt, der früher friedlich gelöst worden wäre, wird infolge solcher Verschärfungen vielleicht mit Gewalt ausgetragen. Diese verstärkende Tendenz von Klimawandel und Artenverlust spielt eine wichtige Rolle, auch wenn es um Ressourcen geht: Die Verteilung von Wasser über Ländergrenzen hinweg ist immer mal wieder ein Grund für heftige Diskussionen zwischen Staaten. Und auch diese Streitigkeiten lassen sich auf verschiedenen Ebenen austragen. Je mehr die Menschen mit dem Rücken zur Wand stehen, desto eher kippt ein Interessenkonflikt in Richtung gewalttätige Auseinandersetzung.
Ist Sicherheit ohne Klima- und Umweltschutz dann überhaupt möglich?
Pörtner: Nein, die aktuelle Politik schiebt das nur leider an die Seite und konzentriert sich überwiegend auf das Militärische. Sie verlässt sich darauf, dass die Umwelt funktioniert und die Lebensgrundlagen stabil sind. Davon auszugehen ist aber für die Zukunft nicht mehr gerechtfertigt. Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, wenn wir die Fähigkeit verlieren, genügend Nahrungsmittel zu produzieren und unsere Gesundheit zu bewahren, wirkt sich das auf allen Ebenen aus: Dann sinkt auch unsere Fähigkeit, in der Gesellschaft Leistungen für die Gesellschaft zu erbringen und uns militärisch zur Wehr zu setzen. Sicherheit ist unter diesen Bedingungen nicht mehr garantiert.
Ist das in den politischen Debatten angekommen?
Pörtner: Dass es eine Polykrise gibt, wird als abstrakte Tatsache zwar wahrgenommen. In der momentanen Situation verengen viele jedoch ihren Blick auf das Militärische. Regierungen wie der derzeitigen US-Führung ist der Klimawandel auch deshalb lästig, weil sie bei den fossilen Energieträgern wirtschaftliche Vorteile sehen. Das ist sehr kurzsichtig gedacht und gehandelt. Denn der Klimawandel lässt sich nicht zurückstellen, er läuft einfach weiter. Und je später man ins Handeln kommt, desto heftiger werden die Auswirkungen sein. Über die Jahrzehnte werden die Schäden steigen, inklusive der Verluste an Menschenleben. Die Menschheit kann dem Klimawandel nicht ausweichen, sie muss ihn stoppen.
Was sollte also jetzt getan werden, um Klima und Umwelt enger in die Sicherheitsdebatte einzubinden?
Pörtner: Wir brauchen in der politischen Landschaft ein entsprechendes Bewusstsein, national wie international. Internationale Organisationen wie der Weltklimarat und der Weltbiodiversitätsrat sind in diesem Bewusstsein schon dabei, sich miteinander zu verknüpfen, um die beiden großen existenziellen Probleme für Natur und Mensch – Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt – besser in den Griff zu bekommen und die Maßnahmen, die dafür jeweils sinnvoll sind, aufeinander abzustimmen. Wenn man nur Klimaschutz betreibt, beeinträchtigt man dadurch unter Umständen die Biodiversität. Wenn man den Klimaschutz an Biodiversität orientiert, lassen sich diese Schäden vermeiden. Verschiedene Sektoren zusammenzudenken schafft also Mehrgewinne. Das sollten auch nationale Gremien wie Deutschlands Nationaler Sicherheitsrat bedenken.
Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen wie Erdöl und Gas ist für die Minderung der Treibhausgas-Emissionen und damit für den Stopp der globalen Erwärmung entscheidend. Welche Rolle spielt er für die Sicherheitsdebatte?
Pörtner: Der Krieg im Iran und die dadurch drohenden Versorgungsengpässe zeigen eindeutig, dass wir in Deutschland und Europa immer noch extrem abhängig sind von der kontinuierlichen Belieferung mit fossilen Energien. Die Maßnahmen, die man nach der Ölkrise in den 1970er Jahren mit dem Einrichten von nationalen Reserven ergriffen hat, reichen nicht aus, um diese Abhängigkeit zu neutralisieren. Die Umstellung auf erneuerbare Energien kann das dagegen leisten. Leider ist sie noch längst nicht so weit fortgeschritten, wie das technisch im Prinzip möglich wäre.
Aber die Energiewende bringt auch neue Abhängigkeiten mit sich, etwa hinsichtlich spezieller Rohstoffe, die für den Bau von Windrädern oder Solarpaneelen nötig sind und nur in wenigen Ländern der Erde abgebaut werden…
Pörtner: Ja, auch diese Ungleichgewichte muss die Politik global austarieren und Machtbestrebungen einzelner Staaten einhegen. Aber das ist leichter machbar, als ständig für ausreichenden Nachschub an fossilen Brennstoffen zu sorgen. Im Großen und Ganzen ist kaum bestreitbar: Wer in der Lage ist, im eigenen Land genug erneuerbare Energie zu produzieren, ist weniger verwundbar gegenüber externen Krisen und Machteinflüssen. Wir haben in unserem Haus zum Beispiel eine Wärmepumpe, die mit Strom aus unserer Solaranlage läuft. Wir brauchen kein Gas. Das gibt uns in der aktuellen Lage Sicherheit.
Was wäre generell für die Menschen gewonnen, wenn man solche Umweltüberlegungen im Diskurs stärker berücksichtigen würde?
Pörtner: Das würde für jeden einzelnen mehr Sicherheit mit sich bringen. Die Menschheit hat ihre Zivilisationen unter den günstigen Rahmenbedingungen des Holozän entwickelt und fast alle Regionen der Erde besiedelt. Was Klima und generell die Umwelt anbelangt, sind wir jedoch dabei, uns aus diesem stabilen Erdzeitalter herauszukatapultieren, haben die Grenzbedingungen teilweise schon überschritten. Einige Regionen werden unbewohnbar, die Menschen müssen umsiedeln und gehen in eine unsicherere Zukunft. Um ein sicheres Leben in einer gesunden Natur mit sauberem Wasser und genug Nahrungsmitteln zu führen, dürfen wir das solide Fundament eines stabilen, angenehmen Klimas nicht weiter verletzen, wir müssen es erhalten und wo noch möglich reparieren.
Und welche Vorteile hätte das für die Gesellschaften als Ganze?
Pörtner: Je sicherer Menschen unter den natürlichen Rahmenbedingungen existieren, desto seltener werden gewalttätige Konflikte innerhalb der Gesellschaft und zwischen Gesellschaften entstehen. Und desto wirksamer und überzeugender kann man hoffentlich auch politischen Extremen entgegentreten.