Die Forschung
zum Globalen Wandel beschäftigt sich mit kritischen Veränderungen
im System Erde. Ihr Ziel ist es, die Ursachen und Wechselwirkungen globaler
Umwelt- und Entwicklungsprobleme zu erkennen, Maßnahmen zu ihrer
Linderung oder Vermeidung aufzuzeigen und künftige Entwicklungen
vorherzusagen.
Die Analysen des Beirats zeigen, daß
die zukünftige Entwicklung der Menschheit nur innerhalb eines begrenzten
"Entwicklungskorridors" erfolgen kann. Werden dessen Ränder
überschritten, verliert die Entwicklung den Charakter der Nachhaltigkeit,
etwa weil sie die Umwelt oder die sozialen und wirtschaftlichen Systeme
überstrapaziert. Das Erkennen dieser "Leitplanken" für
eine nachhaltige Entwicklung ist eine wichtige Aufgabe der Politikberatung
zum Globalen Wandel. Die Umsetzung solcher Erkenntnisse ist dann die
Aufgabe der Politik.
Erdgeschichte
der Neuzeit
Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und die Veränderungen
der Umwelt sind eng miteinander verflochten und nicht mehr als getrennte
Prozesse zu verstehen. Hinzu kommt die hohe Komplexität der Zusammenhänge,
die die Analyse, Modellierung und übersichtliche Darstellung erschwert.
Damit steht die Forschung vor einer ganz neuen Herausforderung: Um die
Wechselwirkungen und Dynamiken im System Erde seit Beginn der Neuzeit
zu verstehen, müssen Gesellschafts- und Naturwissenschaften interdisziplinär
zusammenarbeiten. Hierfür müssen neue wissenschaftliche Konzepte
entwickelt werden, die eine fachübergreifende Betrachtungsweise
und innovative Lösungsvorschläge fördern.
16 Syndrome
Für
eine solche integrierte Beschreibung globaler Umwelt- und Entwicklungsprobleme
und ihrer Dynamik hat der Beirat einen eigenständigen, neuen Ansatz
entwickelt, den "Syndromansatz".
Der Begriff "Syndrom" ist zwar
der Medizin entlehnt, wo er komplexe "Krankheitsbilder" bezeichnet,
doch soll er bei der Analyse des Systems Erde vor allem auf das Zusammenwirken
vieler Ko-Faktoren hinweisen. Hier wie dort gibt es die Erfassung der
Vorgeschichte, die Diagnose auf der Basis von Untersuchungen, die Bewertung
von Symptomen und schließlich Vorschläge für eine Therapie.
Das Ziel ist, die Syndrome zu lindern oder zu beseitigen, besser noch
ihre Entstehung vorsorgend zu vermeiden.
Syndrome sind typische Ursache-Wirkungs-Muster
des Globalen Wandels mit Auswirkungen auf Umwelt und gesellschaftliche
Entwicklung. Sie können an verschiedenen Stellen der Erde in unterschiedlicher
Ausprägung auftreten. Anhand der Syndromanalyse läßt
sich abschätzen, welche Weltregionen für bestimmte Syndrome
anfällig sind oder dies zukünftig sein könnten.
Im WBGU-Jahresgutachten
1996 sind die 16 wichtigsten "Krankheitsbilder" des Globalen
Wandels beschrieben. Die Syndrome wurden in drei Gruppen gegliedert.
Bei der Syndromgruppe "Nutzung" handelt es sich um Syndrome,
die infolge einer einseitigen oder sorglosen Ausbeutung von Naturschätzen
auftreten. Die Gruppe "Entwicklung" umfaßt Syndrome,
die sich aus nicht-nachhaltigen Fortschrittsprozessen ergeben, und der
Gruppe "Senken" werden jene zugeordnet, die aus einer unangepaßten
Entsorgung von Stoffen in Boden, Wasser oder Luft entstehen.
Wesentlich für jedes der Syndrome
ist ihr Querschnittscharakter; beispielsweise umfaßt das "Favela-Syndrom"
gleichermaßen Umweltdegradation und Verelendung in städtischen
Siedlungen, vor allem der Entwicklungsländer. In den Slumgebieten
der großen Städte häufen sich Umwelt- und Entwicklungsprobleme
auf engstem Raum. Verschärft wird die Lage durch die Zuwanderung
vom Land. Eine wichtige Ursache hierfür ist das "Grüne-Revolution-Syndrom",
durch das die sozio-ökonomischen und regionalen Disparitäten
im ländlichen Raum weiter angewachsen sind.
Der Syndromansatz befindet sich noch in
der Entwicklungsphase. Der Name soll ein Syndrom in einer prägnanten
Kurzform charakterisieren, immer ist ein Syndrom aber sehr viel umfassender
und vielschichtiger als es ein einzelner Begriff ausdrücken könnte.
Bis heute hat der Beirat die folgenden Syndrome des Globalen Wandels
identifiziert:
Die Syndrome
des Globalen Wandels
Gruppe Nutzung
Landwirtschaftliche Übernutzung marginaler Standorte verbunden
mit ländlicher Armut: Sahel-Syndrom
Raubbau an natürlichen Ökosystemen: Raubbau-Syndrom
Umwelt- und Entwicklungsprobleme durch Aufgabe traditioneller Anbaumethoden:
Landflucht-Syndrom
Umweltdegradation durch industrielle Landwirtschaft: Dust-Bowl-Syndrom
Umweltdegradation infolge Abbau nicht-erneuerbarer Ressourcen: Katanga-Syndrom
Schädigung von Naturräumen durch Tourismus: Massentourismus-Syndrom
Umweltzerstörung durch militärische Einflüsse: Verbrannte-Erde-Syndrom
Gruppe Entwicklung
Umwelt- und Entwicklungsprobleme durch zentralistisch geplante Großprojekte:
Aralsee-Syndrom
Ökologische und gesellschaftliche Probleme infolge nicht angepaßter
Agrarentwicklungspolitik: Grüne-Revolution-Syndrom
Vernachlässigung ökologischer Standards im Zuge eines hochdynamischen
Wirtschaftswachstums: Kleine-Tiger-Syndrom
Umweltdegradation und Verelendung durch ungeregelte Urbanisierung: Favela-Syndrom
Landschaftsschädigung durch die reguläre Expansion von Städten
und Infrastrukturen: Suburbia-Syndrom
Umweltdesaster durch technisch-industrielle Unfälle: Havarie-Syndrom
Gruppe Senken
Umweltdegradation durch weiträumige Verteilung zumeist langlebiger
Wirkstoffe: Hoher-Schornstein-Syndrom
Umweltgefährdung durch Deponierung von Abfällen: Müllkippen-Syndrom
Langfristige ökologische Belastung im Umfeld von Industriestandorten:
Altlasten-Syndrom.