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4.1 Chemische
Veränderungen im Meerwasser
4.1.1 CO2-Eintrag
Die Weltmeere speichern rund 38.000 Gigatonnen Kohlenstoff (Gt C). Im
Ozean ist damit gegenwärtig etwa 50-mal mehr CO2 gespeichert als
in der Atmosphäre, und 20-mal mehr als in der terrestrischen Biosphäre
und den Böden (Abb. 4.1-1). Der Ozean ist aber nicht nur ein bedeutender
CO2-Speicher, sondern auch langfristig die wichtigste CO2-Senke.
Angetrieben durch die Partialdruckdifferenz des CO2 zwischen der Atmosphäre
und dem Meerwasser gelangt ein Teil des anthropogenen CO2
in die Oberflächenschicht des Meeres und mit den Meeresströmungen
über Zeiträume von Jahrzehnten bis Jahrhunderten schließlich
auch in den tiefen Ozean.
Bereits
seit einigen Jahrzehnten ist eine Zunahme der CO2-Konzentration
in den oberen Meeresschichten nachweisbar (Sabine et al., 2004), die
auf den gestiegenen CO2-Anteil in
der Atmosphäre zurückzuführen ist. Gegenwärtig nimmt
der Ozean jährlich 2 Gt C auf, das entspricht etwa 30 % der anthropogenen
CO2-Emissionen (IPCC, 2001a). Insgesamt
haben die Ozeane zwischen 1800 und 1995 etwa 118 ± 19 Gt C absorbiert.
Das entspricht etwa 48 % der kumulierten CO2-Emissionen
aus fossilen Energieträgern (einschließlich der Zementherstellung)
bzw. 27–34 % der gesamten anthropogenen CO2-Emissionen
(einschließlich derjenigen aus Land-nutzungsänderungen; Sabine
et al., 2004). Das anthropogene CO2-Signal
im Meer ist im Mittel bis zu einer Wassertiefe von etwa 1.000 m nachweisbar.
Durch den langsamen Austausch der Meeresschichten hat es die Tiefsee
in weiten Teilen des Ozeans allerdings noch nicht erreicht. Im Nordatlantik
reicht das anthropogene CO2-Signal
durch die dort stattfindende Tiefenwasserbildung schon bis 3.000 m hinab.
In
der Atmosphäre verhält sich CO2
im Wesentlichen chemisch neutral,
d. h. es reagiert nicht mit anderen Gasen, trägt aber durch seine
starke Wechselwirkung mit Infrarotstrahlung zum Klimawandel bei. Im
Ozean dagegen ist CO2 chemisch aktiv.
Gelöstes CO2 trägt zu einer
Absenkung des pH-Werts bei, d. h. zu einer Versauerung des Meerwassers.
Dieser Effekt ist bereits messbar: Seit Beginn der Industrialisierung
ist der pH-Wert des Oberflächenwassers der Meere im Mittel um etwa
0,11 Einheiten gesunken. Dies entspricht einer Zunahme der Konzentration
von Wasserstoffionen (H+-Ionen) um etwa 30 %. Ausgehend von einem leicht
alkalischen vorindustriellen pH-Wert von 8,18 (Raven et al., 2005) hat
also der Säuregehalt des Ozeans an seiner Oberfläche zugenommen.
Auf Basis der verschiedenen IPCC-Emissionsszenarien ist bei einer atmosphärischen
CO2-Konzentration von 650 ppm bis
zum Jahr 2100 eine Verringerung des mittleren pH-Werts um insgesamt
0,30 Einheiten gegenüber dem vorindustriellen Wert zu erwarten.
Bei einer atmosphärischen Konzentration von 970 ppm würde
sich der pH-Wert um 0,46 Einheiten reduzieren. Gelingt es dagegen, das
CO2 in der Atmosphäre auf 450
ppm zu begrenzen, dann beträgt die pH-Reduktion nur 0,17 Einheiten
(Caldeira und Wickett, 2005).
Abbildung 4.1-1
Schema des globalen Kohlenstoffkreislaufs. Werte
für die Kohlenstoffvorräte sind in Gt C angegeben (fettgedruckte
Zahlen). Werte für die mittleren Kohlenstoffflüsse sind in Gt
C pro Jahr angegeben (normal gedruckte Zahlen). Zeitangaben in Klammern.
Der Fluss in die Böden beträgt etwa 1,5 Gt C pro Jahr. DOC =
gelöster organischer Kohlenstoff, DIC = gelöster anorganischer
Kohlenstoff. Quellen: verändert nach Schlesinger, 1997 und WBGU,
2003b. Zahlen ergänzt und aktualisiert für Ozean und fossile
Energieträger: Sabine et al., 2003; marine Sedimente: Raven et al.,
2005; Atmosphäre: NOAA-ESRL, 2006
4.1.2 Änderung
des Karbonathaushalts
Der in den Meeren gespeicherte Kohlenstoff liegt in unterschiedlichen
chemischen Formen vor. Ein kleiner Teil ist in der Biosphäre
und in organischen Verbindungen gespeichert, der weit überwiegende
Teil ist dagegen in anorganischen Verbindungen enthalten, die auch
als DIC (Dissolved Inorganic Carbon) bezeichnet werden. Von diesen
Verbindungen ist jedoch nur 1 % direkt im Wasser gelöstes CO2,
91 % liegen als Hydrogenkarbonat (HCO3–)
vor und 8 % als Karbonat (CO32-).
Diese drei Verbindungen stehen über eine Gleichgewichtsreaktion
in Beziehung:
CO2
+ H2O + CO32- <–> 2 HCO3–
Das
relative Verhältnis dieser Kohlenstoffverbindungen reflektiert
dabei den pH-Wert des Wassers (Abb. 4.1-2). Nur CO2
kann mit der Atmosphäre ausgetauscht werden. Durch den Eintrag
von CO2 wird der Partialdruck von CO2
im Meerwasser erhöht, gleichzeitig verschiebt sich das Gleichgewicht
zu Gunsten von Hydrogenkarbonat und zu Ungunsten von Karbonat.
Durch den Eintrag von anthropogenem CO2
hat die Karbonatkonzentration in der Meeresoberflächenschicht
bereits um 10 % gegenüber dem vorindustriellen Niveau abgenommen
(Orr et al., 2005).
Abbildung
4.1-2
Karbonatsystem des Meerwassers. Relatives Verhältnis
der drei anorganischen Komponenten CO2, HCO3-
und CO32-.
Der blau schattierte Bereich zeigt schematisch den pH-Bereich, der
heute im Meer vorkommt. Der Pfeil skizziert die erwartete Verschiebung
des mittleren pH-Werts, wenn die atmosphärische CO2-Konzentration
etwa 750 ppm erreicht. Quelle: Raven et al., 2005
Die
Sättigung des Meerwassers mit Karbonationen ist von besonderer
Bedeutung für diejenigen Meeresorganismen, die für ihre
Schalen oder Skelettstrukturen Kalk (Kalziumkarbonat, CaCO3)
bilden (Kap. 4.3.2). Kalk kommt bei Meeresorganismen vor allem in
den Formen Aragonit und Kalzit vor, die sich durch ihre Kristallstruktur
unterscheiden (Tab. 4.3-1). Das Meerwasser ist gegenüber dem
leichter löslichen Aragonit übersättigt, wenn die Karbonatkonzentration
oberhalb von 66 µmol pro kg liegt. Fällt sie unter diesen
Wert, löst sich das von den Organismen gebildete Aragonit im
Wasser – man spricht von Aragonituntersättigung. Aufgrund
der zunehmenden Löslichkeit des Kalks mit abnehmender Temperatur
und zunehmendem Druck sind die tieferen Meeresschichten in der Regel
untersättigt, d. h. absinkender Kalk löst sich in der Tiefe
wieder im Wasser. Die Grenze zwischen der untersättigten und
der übersättigten Schicht wird als Sättigungshorizont
bezeichnet.
Die
gegenwärtige Karbonatkonzentration an der Meeresoberfläche
ist regional unterschiedlich: Die höchste Konzentration (im Mittel
240 µmol pro kg) findet sich in den Tropen, während sie
im Südlichen Ozean im Mittel nur 105 µmol pro kg beträgt
(Orr et al., 2005). Bei fortschreitendem CO2-Eintrag
in das Meer sind daher zuerst die Meeresorganismen im Südlichen
Ozean von Aragonituntersättigung bedroht (Kap. 4.3.2). Orr et
al. (2005) berechnen die mögliche zukünftige Entwicklung
der Karbonatkonzentration des Südlichen Ozeans für verschiedene
Emissionsszenarien. Danach könnte dieser bei einem Business-as-usual-Szenario
bereits Mitte dieses Jahrhunderts an seiner Oberfläche gegenüber
Aragonit untersättigt sein (Abb. 4.1-3). Ab einer atmosphärischen
CO2-Konzentration von ca. 600 ppm
ist der überwiegende Teil der Oberflächenschicht des Südlichen
Ozeans untersättigt. Bereits vor Erreichen dieser Grenze wandert
jedoch der Sättigungshorizont nach oben,
d. h. die Meeresdeckschicht, die gegenüber Aragonit übersättigt
ist, wird dünner, und die Kalkbildung wird erschwert. Auch sind
einzelne Teile der Oberflächen-schicht bereits früher betroffen.
Gegenüber dem schwerer löslichen Kalzit bleibt die Oberflächenschicht
auch für höhere CO2-Konzen-tration
noch gesättigt, aber auch der Kalzitsättigungshorizont verschiebt
sich nach oben. Durch die Verschiebung der Sättigungshorizonte
verändern sich die Bedingungen für die biogene Kalkbildung,
was erhebliche Konsequenzen für Meeresorganismen und -ökosysteme
haben kann (Kap. 4.3).
Abbildung
4.1-3
Projektion unterschiedlicher CO2-Konzentrationen
(a) und ihrer Wirkung auf den Karbonathaushalt des Südlichen Ozeans
(b). Aufgetragen sind die Verläufe unterschiedlicher IPCC-Szenarien.
Quelle: Orr et al., 2005
4.1.3 Sonderrolle
des CO2
Bei der
Versauerung der Meere handelt es sich um einen Effekt, der ausschließlich
auf den CO2-Anstieg in der Atmosphäre
zurückzuführen ist. Dadurch unterscheidet er sich vom Klimawandel,
der durch die Strahlungswirkung des atmosphärischen CO2-Anstiegs,
aber eben auch des Anstiegs von Methan, Lachgas und einigen weiteren
klimawirksamen Gasen hervorgerufen wird. In Bezug auf den Klimawandel
wird daher häufig mit CO2-Äquivalenten
gerechnet, d. h. die Strahlungswirkung der verschiedenen Gase wird auf
die entsprechende Strahlungswirkung von CO2
umgerechnet. Für den Klimaschutz wird argumentiert, dass es keinen
Unterschied macht, ob die Strahlungswirkung allein von CO2
verursacht wird oder von anderen emittierten Treibhausgasen. Dies trifft
für den Effekt der Versauerung der Meere aber nicht zu. Für
den Meeresschutz ist daher die Minderung der CO2-Emissionen
doppelt relevant: Zum einen um die globale Erwärmung, zum anderen
um die Versauerung zu begrenzen.
Die
Versauerung ist vor allem eine Konsequenz des schnellen Anstiegs der
CO2-Menge im Ozean. Bei einem langsamen
Eintrag von CO2, wie er in der Erdgeschichte
wiederholt stattgefunden hat (etwa zum Ende der letzten Eiszeiten, als
die CO2-Konzentration über einen
Zeitraum von 6.000 Jahren um 80 ppm stieg) oder in den Klimaepochen
mit hohem CO2-Gehalt (etwa vor 100–200
Mio. Jahren) mischt sich das CO2 bis
in die Tiefsee, wo eine langsame Auflösung von kalkhaltigen Sedimenten
der Versauerung entgegenwirkt. Der pH-Wert des Meeres bleibt in diesem
Fall annähernd konstant (Raven et al., 2005).
4.2 Zukünftige
Entwicklung der Kohlenstoffsenke Meer
Wie in
Kapitel 4.1 bereits angesprochen, ist das Meer die bedeutendste Nettosenke
für CO2. Ohne die Aufnahme von
anthropogenem CO2 durch den Ozean
läge der CO2-Anteil in der Atmosphäre
um mehr als 55 ppm über dem derzeitigen Niveau (Sabine et al.,
2004). Die zukünftige Entwicklung der CO2-Senke Meer
wird deshalb weitgehend bestimmen, wie stark sich die anthropogenen
CO2-Emissionen in einer Erhöhung der atmosphärischen
Konzentration von Kohlendioxid niederschlagen. Langfristig, d. h. im
Zeitraum mehrerer Jahrhunderte (in dem sich die Weltmeere einmal durchmischen)
kann der Ozean ja nach Gesamtmenge des emittierten Kohlenstoffs etwa
65–80 % der anthropogenen CO2-Emissionen aufnehmen.
Auf noch längeren Zeitskalen erhöht sich dieser Anteil durch
die Auflösung von Kalksedimenten auf 85–92 % (Caldeira et
al., 2005). In den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten kann
allerdings nur ein Teil dieses großen Senkenpotentials zum Tragen
kommen: der begrenzende Faktor ist der Transport des an der Oberfläche
aufgenommen Kohlenstoffs in die tieferen Meeresschichten. Tatsächlich
haben die Weltmeere bisher erst 30 % des anthropogenen Kohlenstoffs
aufgenommen, den sie langfristig bei gegenwärtiger atmosphärischer
Konzentration absorbieren können (Sabine et al., 2004).
Die
große Bedeutung des Meeres als Senke gilt im Übrigen nicht
für die anderen im Kioto-Protokoll geregelten Treibhausgase: Die
stärkste Senke für Methan und auch für HFC ist z. B.
die chemische Reaktion mit dem Hydroxylradikal OH in der unteren Atmosphäre,
während N2O überwiegend
in der Stratosphäre durch die UV-Strahlung der Sonne zerstört
wird. Die Industriegase PFC und SF6 zersetzen sich erst oberhalb der
Stratosphäre. Das Meer ist allerdings eine bedeutende Quelle für
N2O, deren zukünftige Entwicklung
unter Einwirkung des Klimawandels unklar ist.
Vor
der Industrialisierung war der Ozean annähernd im Gleichgewicht
und keine CO2-Senke. An seiner Oberfläche
gab er jährlich etwa 0,6 Gt C an die Atmosphäre ab, während
gleichzeitig dieselbe Menge Kohlenstoff aus der terrestrischen Biosphäre
(und damit letztendlich aus der Atmosphäre) in Form von organischem
Material über die Flüsse eingetragen wurde (Watson und Orr,
2003). Der atmosphärische CO2-Anteil änderte
sich dadurch nicht und blieb über Jahrtausende konstant bei etwa
280 ppm. Der Grund für die heutige Senkenfunktion des Meeres ist
die anthropogene Störung des Kohlenstoffkreislaufs: Steigt die
CO2-Konzentration in der Atmosphäre, gibt
diese so lange CO2 an den Ozean ab, bis die Partialdrücke
in Oberflächen-wasser und Atmosphäre wieder ausgeglichen sind.
Seit Beginn der Industria-lisierung ist die atmosphärische CO2-Konzentration
annähernd exponentiell gestiegen. Bisher ist dadurch auch die jährliche
CO2-Aufnahme durch den Ozean immer weiter angestiegen,
und zwar nahezu proportional zur atmosphärischen CO2-Konzentration,
wie Modellergebnisse nahelegen (Gloor et al., 2003). Dies kann jedoch
aus verschiedenen Gründen nicht auf die Zukunft übertragen
werden, wie unten näher erläutert wird.
Stellt
man die vom Ozean aufgenommene CO2-Menge den anthropogenen Emissionen
gegenüber, so scheint die Effizienz der Ozeansenke schon heute
zu sinken: Sabine et al. (2004) zeigen anhand der Auswertung von Beobachtungsdaten,
dass im Zeitraum 1800–1994 vom Ozean 28–34 % der anthropogenen
Emissionen aufgenommen wurden, während es im Zeitraum 1980–1999
nur 26 % waren. Aufgrund der großen Unsicherheiten bei der Bestimmung
der globalen Kohlenstoffbilanz ist diese Abnahme zwar nicht statistisch
signifikant, aber allein aufgrund bekannter geochemischer Prozesse zu
erwarten.
Je
mehr CO2 bereits in den Ozean eingetragen wurde, desto geringer ist
die Karbonatkonzentration in der Oberflächenschicht (Kap. 4.1.2).
Dies verringert die Aufnahmekapazität für weiteres CO2. Modellergebnisse
zeigen, dass die relative CO2-Speicherung durch den Ozean (d. h. der
Anteil der anthropogenen Emissionen, der im Verlauf weniger Jahrzehnte
durch den Ozean aufgenommen wird) durch diesen Effekt um einige Prozent
sinkt, wenn eine atmosphärische CO2-Konzentration von 450 ppm erreicht
wird. Bei 750 ppm CO2 in der Atmosphäre verringert sich die relative
CO2-Aufnahme bereits um 10 % (Le Quéré, persönliche
Mitteilung). Dieser geochemische Effekt ist in Modellen zum Kohlenstoffzyklus
vollständig berücksichtigt und wird daher selten explizit
diskutiert (Gruber et al., 2004). Auch sehr langfristig, d. h. über
Zeiträume, in denen sich der Ozean vollständig durchmischt,
bewirkt dieser Effekt, dass der in der Atmosphäre verbleibende
Anteil der anthropogenen CO2-Emissionen immer größer wird,
je mehr CO2 insgesamt emittiert wurde.
Auch
der Klimawandel als Folge der Treibhausgasemissionen wirkt sich auf
die Stärke der Ozeansenke aus: Die Löslichkeit von CO2 im
Meerwasser nimmt mit steigender Temperatur ab. Bis zum Ende des Jahrhunderts
könnte durch diesen Effekt die kumulierte CO2-Aufnahme um 9–14
% geringer ausfallen als ohne Temperaturänderung (Greenblatt und
Sarmiento, 2004). Dieser Effekt ist gut verstanden, die Unsicherheit
resultiert im Wesentlichen aus der Unsicherheit über das Ausmaß
der zu erwartenden Temperaturänderung.
Eine weitere Auswirkung des Klimawandels ist eine zunehmende Schichtungsstabilität
des Meerwassers, d. h. die vertikale Durchmischung wird reduziert. Dies
hat eine Reihe komplexer Wirkungen. Einerseits werden dadurch der Transport
von mit Kohlenstoff angereichertem Oberflächenwasser in die Tiefe
sowie der Transport von kohlenstoffärmerem Wasser an die Oberfläche
geschwächt, was die Senkenwirkung des Ozeans mindert. Andererseits
können sich Änderungen der biologischen Produktivität
ergeben, etwa durch veränderte Nährstoffverfügbarkeit.
Die biologische Produktivität ist von hoher Bedeutung für
die Kohlenstoffbilanz der Meeresoberflächenschicht: CO2 wird von
Meeresorganismen über Photosynthese aufgenommen und in organische
Substanz eingebaut; absterbende Organismen sinken ab und werden in unterschiedlichen
Wassertiefen zersetzt. Freigesetzte Nährstoffe und Kohlenstoff
gelangen zum Teil durch vertikale Durchmischung wieder in die Deckschicht,
der Nettoexport in die Tiefsee ist jedoch erheblich. Jährlich werden
durch diese „biologische Pumpe“ 10 Gt Kohlenstoff aus der
Meeresoberflächenschicht in die Tiefsee überführt. Der
Einfluss von erhöhter Schichtungsstabilität und veränderter
biologischer Produktivität auf die Senkenwirkung des Ozeans ist
höchst unsicher. Greenblatt und Sarmiento (2004) geben für
die Änderung der kumulierten CO2-Aufnahme bis zum Ende des Jahrhunderts
durch diese Effekte eine Spannbreite von -2 % (also verringerte Senkenfunktion
des Ozeans) bis +10 % (erhöhte Senkenfunktion) an.
Viele
der genannten Effekte sind noch schlecht quantifizierbar, jedoch ist
wahrscheinlich, dass der Klimawandel insgesamt zu einer deutlichen Abschwächung
der Effizienz der Kohlenstoffsenke Meer beiträgt. Nach der Übersicht
über verschiedene Modellergebnisse von Greenblatt und Sarmiento
(2004) könnte die kumulierte CO2-Aufnahme durch den Ozean bis zum
Ende dieses Jahrhunderts durch die oben besprochenen klimabedingten
Einflüsse (Temperaturerhöhung, erhöhte Schichtungsstabilität
und biologische Effekte) um 4–15 % geringer ausfallen, als es
ohne diese Einflüsse der Fall wäre. Diese Abschwächung
ist zu den geochemischen Effekten hinzuzurechnen, die ohnehin zu einer
Minderung der relativen Senke in einer ähnlichen Größenordnung
führen.
Wie
schon angedeutet, sind die größten Unsicherheitsfaktoren
bei der Abschätzung der zukünftigen Entwicklung der Ozeansenke
biologische Prozesse, also die Auswirkungen der anthropogenen Atmosphärenstörung
und der Versauerung der Meere auf die marine Primärproduktion,
die biologische Pumpe und die Kalkbildung (Kap. 4.3.5). Diskutiert wird
auch eine Schwächung der Ozeansenke durch Veränderungen im
„equatorial upwelling“, dem windgetriebenen Aufsteigen von
Wasser am Äquator (Winguth et al., 2005). Auch schwer zu prognostizierende,
nichtlineare Ereignisse wie eine starke Verminderung der ozeanischen
Konvektion oder der thermohalinen Zirkulation oder biologische Regimeübergänge
(Kap. 2.2.1) könnten einen erheblichen Einfluss haben.
Zusammenfassend
lässt sich sagen, dass bei steigender atmosphärischer CO2-Konzentration
der durch den Ozean aufgenommene Anteil der anthropogenen CO2-Emissionen
sinken wird, selbst wenn die absolute Aufnahmerate noch ansteigt (IPCC,
2001a).
4.3 Zukünftige
Entwicklung der Kohlenstoffsenke Meer
Der
CO2-Eintrag ins Meer führt zu Verschiebungen im Karbonatsystem
des Meerwassers und zu einer Absenkung des pH-Werts, also zur Versauerung
des Ozeans (Kap. 4.1.1; Turley et al., 2006). Diese Veränderung
des Karbonatsystems könnte ohne Gegenmaßnahmen bereits in
diesem Jahrhundert ein Ausmaß erreichen, wie es wahrscheinlich
seit vielen Jahrmillionen nicht vorgekommen ist (Feely et al., 2004).
Der Mensch greift somit erheblich in das chemische Gleichgewicht des
Ozeans ein, was für die Meereslebewesen und -ökosysteme nicht
ohne Folgen bleiben wird.
4.3.1 Physiologische
Wirkungen auf Meeresorganismen
Eine stark
erhöhte CO2-Konzentration (Hyperkapnie)
hat viele negative physiologische Wirkungen, die experimentell an verschiedenen
Meeresorganismen untersucht worden sind. Es wurden zahlreiche Veränderungen
bei Meeresorganismen nachgewiesen, z. B. bei der Produktivität
von Algen, den Stoffwechselraten von Zooplankton und Fischen, der Sauerstoffversorgung
von Kalmaren, der Reproduktion bei Muscheln, der Nitrifizierung durch
Mikroorganismen und der Aufnahme von Metallen (Übersicht in Pörtner,
2005). Viele dieser Experimente sind allerdings mit CO2-Konzentrationen
durchgeführt worden, die weit über denen liegen, die bei heute
diskutierten Emissionsszenarien bis 2100 zu erwarten sind. Daher sind
zusätzliche Studien erforderlich, um die kurz- und mittelfristigen
Effekte der Versauerung abschätzen zu können (Kap. 4.6). Aus
heutiger Sicht scheint es unwahrscheinlich, dass Meeresorganismen bei
den zu erwartenden künftigen atmosphärischen CO2-Gehalten
unter akuten Vergiftungserscheinungen leiden werden (Pörtner, 2005).
Eine
Verdopplung der gegenwärtigen CO2-Konzentration
führt bei vielen Phytoplanktonarten zu einer Erhöhung der
Photosyntheserate um etwa 10 % (Raven et al., 2005). Allerdings weisen
die unterschiedlichen Gruppen des Phytoplanktons in Bezug auf die Photosynthese
verschiedene Sensitivitäten gegenüber erhöhten CO2-Konzentrationen
auf, was an Unterschieden der Kohlenstoffaufnahme (CO2
versus HCO3-)
und an unterschiedlichem Sättigungsverhalten der Photosyntheserate
liegt. Die Zusammenhänge zwischen Photosynthese, Primärproduktion
des Phytoplanktons, mikrobieller Respiration und den Folgewirkungen
im Nahrungsnetz werden allerdings durch eine Vielzahl anderer Faktoren
(Temperatur, Licht- und Nährstoffversorgung, unterschiedliches
Fraßrisiko durch Zooplankton, Anpassungsprozesse usw.) kompliziert.
Beim derzeitigen Wissensstand können keine eindeutigen Schlüsse
für die Wirkungen der Versauerung auf Wachstum und Zusammensetzung
des Phytoplanktons gezogen werden.
4.3.2 Auswirkungen
auf kalkbildende Organismen
Die Kalkbildung
ist neben der Photosynthese wohl der wichtigste von der Erhöhung
der CO2-Konzentration betroffene physiologische Prozess. Er hat weitreichende
Konsequenzen für die ökologische Funktion der Meeresökosysteme
und kann zudem Rückwirkungen auf die Atmosphärenkonzentration
von CO2 und somit auf das Klimasystem haben (Kap. 4.3.5).
Viele
Meeresorganismen verwenden für ihre Skelett- oder Schalenstrukturen
Kalk (Kalziumkarbonat), der aus dem Meerwasser extrahiert werden muss.
Dies ist nur bei einer Übersättigung des Meerwassers mit Kalziumkarbonat
möglich, weswegen die zunehmende CO2-Konzentration und der absinkende
pH-Wert die Kalkbildung erschweren (Raven et al., 2005). Damit geht
eine Schwächung der Skelettstrukturen oder – bei Unterschreiten
der Sättigungskonzentration für Kalziumkarbonat – sogar
ihre Auflösung einher. Kalk tritt als Baumaterial für Organismen
in verschiedenen kristallinen Formen auf: Aragonit und Kalzit sind die
beiden wichtigsten (Tab. 4.3-1). Organismen, die Aragonit für ihre
Schalen oder Skelette verwenden, werden als Erste unter der Versauerung
leiden, da Aragonit sich wegen einer unterschiedlichen Kristallstruktur
unter den veränderten Bedingungen leichter auflöst.
|
| Organismen |
Photosynethese |
Kristallform
des Kalks |
Lebensgemeinschaft |
| |
| Coccolithophoriden |
ja |
Kalzit
|
Plankton
|
| Makroalgen* |
ja |
Aragonit
oder
Kalzit |
Benthos |
| Kammerlinge |
nein
einige |
Kalzit
Kalzit |
Benthos
Plankton |
Korallen
Warmwasser
Kaltwasser
|
ja (in Symbiose)
nein
|
|
Benthos
Benthos |
| Flügelschnecken |
nein |
Aragonit |
Plankton |
| Andere
Mollusken* |
nein |
Aragonit
oder
Kalzit |
Benthos
oder
Plankton |
| Stachelhäuter |
nein |
Mg-Kalzit |
Benthos |
| Krebstiere* |
nein |
Kalzit |
Benthos
oder
Plankton |
| |
Tabelle 4.3-1
Gruppen
kalkbildender Meeresorganismen. Kalk (Kalziumkarbonat) kommt in verschiedenen
Kristallformen vor. Aragonit löst sich bei geringen Karbonationenkonzen-trationen
schneller als Kalzit, aber langsamer als magnesiumhaltiges Kalzit (Mg-Kalzit).
*: nicht alle Arten der Gruppe sind Kalkbildner.
Quelle: nach Raven et al., 2005
Die
Versauerung hat Einfluss auf alle marinen kalkbildenden Arten, wie z.
B. bestimmte Planktongruppen, Muscheln, Schnecken und Korallen. Stachelhäuter
(z. B. Seesterne und Seegurken) sind besonders gefährdet, da ihre
Kalzit-strukturen viel Magnesium enthalten und daher unter erhöhtem
CO2 sogar noch leichter löslich sind als Aragonit (Shirayama und
Thornton, 2005). Korallen sind zwar die auffälligsten und bekanntesten
kalkbildenden marinen Organismen und leiden als Aragonitproduzenten
besonders unter der Versauerung (Kap. 2.4), aber sie tragen nur zu 10
% zur globalen marinen Kalkproduktion von jährlich 0,64–2
Gt C bei (Zondervan et al., 2001). Die Simulationen von Guinotte et
al. (2003) weisen darauf hin, dass bei einer atmosphärischen CO2-Konzentration
von knapp 520 ppm, die bereits etwa Mitte des Jahrhunderts erreicht
sein könnte, nahezu alle heutigen Riffstandorte von Warmwasser-korallen
wegen zu geringer Aragonitsättigung kaum noch für Korallenwachstum
geeignet wären (Abb. 4.3-1).
Abbildung
4.3-1
Aragonitsättigung und gegenwärtige
Riffstandorte von Warmwasserkorallen (blaue Punkte). (a) vorindustrielle
Werte (ca. 1870, atmosphärische CO2-Konzentration 280 ppm), (b)
Gegenwart (ca. 2005, 375 ppm CO2), (c) Zukunft (ca. 2065, 517 ppm CO2).
Der Grad der Aragonitsättigung (Ω) bezeichnet das relative
Verhältnis zwischen dem Produkt der Konzentrationen von Kalzium-
und Karbonationen und dem Löslichkeitsprodukt für Aragonit.
Standorte mit einer Aragonitsättigung unterhalb von 3,5 sind nur
noch bedingt für riffbildende Warmwasserkorallen geeignet (marginal),
unterhalb von 3 sind sie ungeeignet.
Quelle: Steffen et al., 2004
Die
globale marine Kalkbildung wird zu etwa drei Vierteln von Planktonorganismen
verursacht, vor allem von Coccolithophoriden, Kammerlingen (Foraminiferen)
und Flügelschnecken (Pteropoden). Davon sind die Coccolithophoriden
von besonderer Bedeutung, da diese einzelligen Primärproduzenten,
die großflächige Planktonblüten mit nur wenigen Arten
erzeugen können, einen großen Beitrag zum Export von Kalziumkarbonat
in die Tiefsee leisten und daher eine wesentliche Rolle im globalen
Kohlenstoffkreislauf spielen (Riebesell et al., 2000; Zondervan et al.,
2001; Kap. 4.3.5). Bei Experimenten sowohl mit Monokulturen als auch
mit natürlichen Plankton-gesellschaften zeigte sich, dass sich
die Kalkbildung der Coccolithophoriden bei erhöhten atmosphärischen
CO2-Konzentrationen deutlich abschwächt
(Riebesell et al., 2000; Riebesell, 2004). Flügelschnecken sind
wichtige Komponenten in den marinen Nahrungsnetzen polarer und subpolarer
Breiten, wo sie dichte Populationen (bis zu 1.000 Individuen pro m3)
bilden und als Nahrung für die oberen trophischen Stufen des Nahrungsnetzes
dienen. Sie sind in diesen Regionen für einen wesentlichen Teil
des Exports partikulären Kohlenstoffs in die Tiefe verantwortlich.
Wenn die Karbonatsättigung im Meerwasser einen kritischen Wert
unterschreitet, können diese Tiere wahrscheinlich keine Schalen
mehr bilden. Für wichtige Teile ihres Lebensraums, dem Südlichen
Ozean, wird (unter Annahme des IS92-Szenarios des IPCC) eine Untersättigung
in Bezug auf Aragonit bereits ab 2050 prognostiziert, so dass dadurch
ihr Verbreitungsgebiet stark eingeschränkt würde (Orr et al.,
2005; Raven et al., 2005).
Über
die Kapazität der Organismen, sich an diese Veränderungen
anzupassen, besteht große Unsicherheit, da bisher noch zu wenige
Ergebnisse aus Langzeitexperimenten vorliegen (Raven et al., 2005; Pörtner,
2005).
4.3.3 Ökosystemstruktur
und höhere trophische Ebenen
Die
prognostizierten pH-Absenkungen im Verlauf dieses Jahrhunderts können
also erhebliche Auswirkungen auf kalkbildende Organismen und somit auf
die marine Biosphäre insgesamt haben (Orr et al., 2005). Parallel
hierzu ist mit einer deutlichen klimabedingten Erwärmung zu rechnen.
Beide Wirkungen sind nicht unabhängig: Der CO2-Anstieg kann z.
B. die Temperaturtoleranz für Tiere verringern (Pörtner, 2005).
Vor allem die Korallenökosysteme sind ein Beispiel für solche
synergistischen negativen Effekte (Kap. 2.4; Hoegh-Guldberg, 2005).
Es
sind aber auch Auswirkungen der Versauerung auf das Nahrungsnetz denkbar.
Unterschiedliche Reaktionen auf erhöhte CO2-Konzentrationen könnten
über Wachstum oder Reproduktion der Organismen durch veränderte
Konkurrenz die räumliche wie zeitliche Verteilung der Arten ändern
(Rost und Sültemeyer, 2003). Bereits beobachtete Auswirkungen bei
Primärproduzenten sind u. a. ein unterschiedlich großer CO2-Düngeeffekt
(der z. B. Coccolithophoriden gegenüber Kieselalgen bevorzugt)
und eine verminderte Kalkbildung (was Coccolithophoriden benachteiligen
könnte; Riebesell, 2004). In Langzeituntersuchungen im Nordostatlantik
wurde beobachtet, dass Änderungen des Phytoplanktons durch eine
enge Kopplung mit ihren Fraßfeinden zunächst zum algenfressenden
Zooplankton und weiter bis zum räuberischen Zooplankton weitergegeben
werden können (Richardson und Schoeman, 2004). Eine veränderte
Artenzusammensetzung des Phytoplanktons kann sich also auch auf das
Zooplankton auswirken. Auch bei polaren Ökosystemen ist denkbar,
dass die reduzierte Kalkbildung bei Flügelschnecken Auswirkungen
auf die höheren Ebenen des Nahrungsnetzes hat, auch wenn dies spekulativ
und kaum prognostizierbar ist (Orr et al., 2005). Ebenso spekulativ
sind Aussagen über mögliche Anpassungsprozesse auf der Ebene
der Ökosystemstruktur, etwa ob entstandene Lücken ohne wesentliche
Folgen für die Gesamtproduktivität durch andere Arten besetzt
werden können.
4.3.4 Auswirkungen
der Versauerung auf die Fischerei
Die Versauerung
der Weltmeere könnte auch Auswirkungen auf die Fischerei haben.
Unmittelbare toxische Effekte der erhöhten atmosphärischen
CO2-Konzentrationen auf Fische sind zwar nicht zu erwarten, da die akute
Empfindlichkeit von Fischen gegenüber CO2 erst jenseits der prognostizierten
Konzentrationen beginnt (Pörtner, 2005; Kap. 4.3.1). Erschwerte
Kalkbildung kann allerdings Veränderungen der Artenzusammensetzung
des Phytoplanktons auslösen, was sich über trophische Kopplung
bis in die oberen Schichten des Nahrungsnetzes auswirken kann (Richardson
und Schoeman, 2004; Kap. 4.3.3). Es ist nicht auszuschließen,
dass derartige Änderungen von Struktur und Funktion mariner Ökosysteme
auch Auswirkungen auf die pelagische Fischerei haben wird, aber die
Prognose bleibt beim derzeitigen Kenntnisstand sehr spekulativ (Raven
et al., 2005).
Die
durch Versauerung veränderten Wachstums- und Konkurrenzbedingungen
der Arten in tropischen Korallenriffen werden wahrscheinlich auch einen
anderen wichtigen Zweig der Fischerei betreffen: Millionen Menschen
hängen in ihrer Proteinversorgung von der Subsistenzfischerei auf
Korallenriffen ab (Raven et al., 2005), die ihrerseits
u. a. auch durch Versauerung bedroht sind (Kap. 2.4). Ein großflächiger
Verlust von Korallenhabitaten hätte zweifellos negative Auswirkungen
auf diese Fischerei, mit schwer abschätzbaren sozioökonomischen
Folgen.
4.3.5 Rückwirkungen
veränderter Kalkbildung auf den Kohlenstoffkreislauf
Insgesamt
werden sich ökologische Gleichgewichte im Meer zu Ungunsten der
kalkbildenden Meeresorganismen verschieben, was über veränderte
Artenzusammensetzungen im marinen Phytoplankton möglicherweise
sogar die globalen biogeochemischen Kreisläufe beeinflussen kann.
Die hier beschriebenen Folgen veränderter Kalkbildungsraten des
Plankton bilden nur einen kleinen Ausschnitt aller Wechselwirkungen
zwischen Klimasystem und Meer, die in der Gesamtschau in Kapitel 4.2
beschrieben sind.
Die
jährliche Primärproduktion im Meer liegt bei ca. 50 Gt C,
wovon ca. 10 Gt C über die biologische Pumpe in die Tiefsee exportiert
werden. Für diesen wichtigen Prozess im globalen Kohlenstoffkreislauf,
der insgesamt zur Senkenfunktion des Ozeans beiträgt, macht es
einen großen Unterschied, ob die Produktion durch kalkbildende
Arten wie z. B. Coccolithophoriden oder durch nicht kalkbildende Arten
wie z. B. Kieselalgen erfolgt.
Die
Kalkbildung mariner Organismen ist immer mit einer CO2-Produktion verbunden:
Ca2+
+ 2 HCO3-->
CaCO3 + CO2 + H2O
Diese
„Karbonat-Gegenpumpe“ wird mit zunehmender CO2-Atmosphären-konzentration
als Folge der veränderten Karbonatpufferkapazität immer stärker.
Bei Annahme einer konstanten Kalkbildung würde dadurch die künftige
Senkenwirkung des Meeres abgeschwächt. Wenn sich aber die biogene
Kalkbildung als Folge der pH-Absenkung vermindert, kann dieser Effekt
überkompensiert werden, so dass sich die Senkenwirkung sogar verstärkt.
Dies hätte allerdings nur eine geringe Wirkung auf die CO2-Aufnahme
des Ozeans (Zondervan et al., 2001). Eine Reihe anderer Effekte komplizieren
das Bild weiter (Riebesell, 2004): Verminderte Kalkbildung könnte
auch die Dichte und somit die Absinkrate der Partikel in die tieferen
Wasserschichten reduzieren, wodurch der Kohlenstoffexport durch die
biologische Pumpe verlangsamt würde. Dem steht eine mögliche
Beschleunigung der Absinkraten durch vermehrte Bildung extrazellulärer
Polysaccharide gegenüber (Engel et al., 2004). Die gegenwärtigen
Planktonblüten der Coccolithophoriden bedecken große Meeresflächen
über hunderttausende km2 und
hellen wegen ihres Kalkgehalts die Farbe des Meerwassers auf. Ihr Ausfall
könnte daher die globale Albedo um bis zu 0,13 % reduzieren, was
die Erderwärmung leicht beschleunigen müsste (Tyrell et al.,
1999). Die Größenordnungen einiger dieser Faktoren sind unklar,
der Gesamteffekt aller dieser Faktoren auf die Wechselwirkungen zwischen
atmosphärischer CO2-Konzentration und biologischer
mariner Produktion ist derzeit nicht zu ermitteln und rechtfertigt verstärkte
Forschungsanstrengungen (IMBER, 2005; Raven et al., 2005).
4.4 Leitplanke:
Versauerung der Meere
4.4.1 Leitplankenvorschlag
Um unerwünschte
bzw. riskante Veränderungen der marinen Nahrungsnetze durch Aragonituntersättigung
zu verhindern (Kap. 4.3), sollte der pH-Wert der obersten Meeresschicht
(Deckschicht) in keinem größeren Ozeangebiet (d. h. auch
nicht im globalen Mittel) um mehr als 0,2 Einheiten gegenüber dem
vorindustriellen Wert von im Mittel 8,18 absinken. Eine pH-Absenkung
um 0,2 Einheiten entspräche einer Zunahme der H+-Ionenkonzentration
um ca. 60 % gegenüber dem vorindustriellen Wert. Die bisherige
pH-Reduktion von 0,11 Einheiten seit der Industrialisierung entspricht
einem Anstieg der
H+-Ionenkonzentration um etwa 30 %.
Der gegenwärtige mittlere pH-Wert der Meeresoberflächen beträgt
8,07 (Raven et al., 2005). Abbildung 4.4-1 illustriert die WBGU-Versauerungsleitplanke.
Abbildung
4.4-1
Variabilität des mittleren pH-Werts der
Ozeane in der Vergangenheit und Gegenwart sowie Projektion für
die Zukunft für eine atmosphärische CO2-Konzentration von
ca. 750 ppm. Die rote Linie illustriert die vom WBGU vorgeschlagene
Versauerungsleitplanke.
Quelle: nach IMBER, 2005
Es
ist allerdings notwendig, die räumliche und zeitliche Mittelung,
auf die sich die Leitplanke bezieht, weiter zu spezifizieren, da der
pH-Wert einer starken natürlichen Variabilität unterliegt.
Nach Haugan und Drange (1996) unterscheiden sich die pH-Werte der Meeresoberfläche
weltweit um bis zu 0,5 pH-Einheiten, während lokale, jahreszeitliche
Schwankungen etwa 0,1 pH-Einheiten betragen können (in hochproduktiven
Gebieten sogar 0,2–0,3 pH-Einheiten; Riebesell, persönliche
Mitteilung).
Nach
Simulationsrechungen von Caldeira und Wickett (2005) führt eine
Stabilisierung der atmosphärischen CO2-Konzentration
bei 540 ppm bis zum Jahr 2100 im globalen Mittel bereits zu einer pH-Absenkung
der Meersoberflächenschicht um 0,23 gegenüber dem vorindustriellen
Niveau, d. h. bei dieser CO2-Konzentration wäre die
Versauerungsleitplanke bereits über-schritten. Eine Stabilisierung
bei 450 ppm bis 2100 reduziert den pH-Wert um 0,17, ist also voraussichtlich
mit der Versauerungsleitplanke vereinbar. Es bleibt allerdings noch
zu überprüfen, ob bei diesem Stabilisierungswert lokal über
einen längeren Zeitraum höhere pH-Reduktionen auftreten können,
die insbesondere im Südlichen Ozean zu einer Untersättigung
der Meeresober-flächenschicht mit Aragonit führen können.
Zu beachten ist, dass es sich hier jeweils um die Stabilisierung von
CO2 selbst handelt, und nicht um das Stabilisierungsniveau
der Treibhause in ihrer Gesamtheit, die durch das CO2-Äquivalent
beschrieben wird.
4.4.2 Begründung
und Umsetzbarkeit
Die größte
Bedrohung für die Meeresorganismen durch die Versauerung hängt
mit der Löslichkeit von Kalziumkarbonat zusammen, das sie für
den Aufbau von Schalen und Skelettstrukturen verwenden (Kap. 4.3). Die
leichter lösliche Variante des Kalziumkarbonats ist das Aragonit,
das z. B. von Korallen und bestimmten Planktonarten verwendet wird (Tab.
4.3-1). Kalkbildende Meeresorganismen sind wichtige Bestandteile mariner
Ökosysteme, so dass ihre Gefährdung einen nicht tolerierbaren
Eingriff in das Erdsystem darstellen würde.
Unterschreitet die Konzentration der Karbonationen einen kritischen
Wert von 66 µmol pro kg, so ist das Meerwasser nicht mehr gegenüber
Aragonit gesättigt, d. h. Meeresorganismen können keine Aragonitschalen
mehr bilden. Dies
ist vor allem in der Oberflächenschicht zu vermeiden, in der die
Primärproduktion des Meeres erfolgt. Die Gefahr einer Aragonituntersättigung
in der Meeresoberflächenschicht ist insbesondere im Südlichen
Ozean gegeben. Nach Orr et al. (2005) zeigen Simulationen, bei denen
die pH-Absenkung im Mittel etwa 0,25 beträgt, bereits eine deutlichen
Reduktion der vertikalen Ausdehnung der gesättigten Schicht und
einer Untersättigung in Teilgebieten des Südlichen Ozeans.
Eine solche Situation sollte nach Ansicht des WBGU vermieden werden.
Der
pH-Wert ist aber nicht nur für die Kalkbildung, sondern auch für
viele andere Prozesse im marinen System eine wichtige Leitgröße
(z. B. Verfügbarkeit von Nährstoffen). Innerhalb der letzten
23 Mio. Jahre lagen die natürlichen Schwankungen des mittleren
pH-Werts zwischen Glazial- und Interglazial-perioden in einer Bandbreite
von wenig mehr als 0,1 (Abb. 4.4-1), so dass sich die Meeresorganismen
über lange Zeit an einen recht engen pH-Bereich angepassen konnten,
der im Oberflächenwasser kaum je unterschritten wird (IMBER, 2005).
Dies ist ein weiteres Argument für die Anwendung des Vorsorgeprinzips,
zumal die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen
der Versauerung noch sehr lückenhaft sind (Kap. 4.3).
Wegen
der großen Bedeutung der Folgen der Ozeanversauerung sollte die
Forschung auf diesem Gebiet erheblich intensiviert werden (Kap. 4.6).
Solange noch kein tragfähiger wissenschaftlicher Konsens über
die tolerierbare Grenze der Auswirkungen der Versauerung besteht, sollte
gemäß dem Vorsorgeprinzip ein Sicherheitsabstand eingehalten
werden. Der WBGU orientiert seinen Vorschlag, eine pH-Absenkung von
mehr als 0,2 abzuwenden, an dem Ziel, eine Aragonituntersättigung
der Meeresoberfläche zu vermeiden. Sollte sich herausstellen, dass
bereits vor Erreichen der Aragonituntersättigung andere nicht tolerierbare
Schäden eintreten, muss die Leitplanke entsprechend angepasst werden.
Da
der CO2-Eintrag ins Meer durch den Anstieg der atmosphärischen
CO2-Konzentration und damit die anthropogenen CO2-Emissionen verursacht
wird, lässt sich die pH-Absenkung des Ozeans durch Emissionsminderung
begrenzen. Der Prozess der Versauerung ist jedoch faktisch irreversibel
– solange keine Möglichkeit besteht, die atmosphärische
CO2-Konzentration zu senken, wird der pH-Wert der Oberflächenschicht
auf sehr lange Zeit nicht wieder steigen. Da eine Überschreitung
der Leitplanke damit unumkehrbar wäre, hat das Vorsorgeprinzip
für dieses Problem eine besonders große Bedeutung.
Die
Einhaltung der Leitplanke lässt sich wissenschaftlich zuverlässig
überprüfen: Einerseits kann der pH-Wert im Meerwasser direkt
bestimmt werden, andererseits kann auch aus der Messung der atmosphärischen
CO2-Konzentrationen auf den mittleren pH-Wert im Meer geschlossen werden.
Die Versauerungs- und die Klimaschutzleitplanke könnten Redundanzen
bezüglich der erforderlichen Maßnahmen zu ihrer Einhaltung
aufweisen, sind aber nicht gegenseitig ersetzbar: Der anthropogene Treibhauseffekt
wird durch ein ganzes Bündel von Treibhausgasen verursacht, darunter
zu ca. 60 % von CO2. Für die Versauerung der Meere hingegen ist
von diesen Gasen nur das CO2 verantwortlich. Eine Stabilisierung bei
450 ppm bis 2100 würde den pH-Wert um nur 0,17 reduzieren, also
die Versauerungsleitplanke einhalten. Die Einhaltung der Klimaschutzleitplanke
von 2 °C macht – je nach Klimasensitivität – ebenfalls
eine Stabilisierungskonzentration bei 450 ppm oder weniger notwendig.
Daher würde die Einhaltung der Klimaschutzleitplanke auch die Einhaltung
der Versauerungsleitplanke einschließen, vorausgesetzt, dass CO2
bei der Emissionsreduktion angemessen berücksichtigt wird.
4.5 Handlungsempfehlungen:
Klimaschutz und Meeresschutz verknüpfen
In
den 1970er und 1980er Jahren wurde das Phänomen des „Sauren
Regens“ bekannt. Verantwortlich sind säurebildende Abgase aus
der Verbrennung fossiler Energieträger (vor allem SO2
und NOx). Dieses Problem, nicht zuletzt verbunden mit dem Medienecho
unter dem Schlagwort „Waldsterben“, übte erheblichen
Druck auf Politik und Industrie aus. Mit großem technischen und
finanziellen Aufwand wurden daraufhin die Großkraftwerke mit Rauchgas-wäschern
ausgestattet, Katalysatoren für Autos vorgeschrieben und großflächig
Wälder und Seen gekalkt. Vergleicht man den Sauren Regen mit der
jetzt bereits laufenden Versauerung der Weltmeere, so wiegt die Gefährdung
der Weltmeere erheblich schwerer. Dennoch ist das Medien- und Politik-interesse
im Vergleich zum Sauren Regen vernachlässigbar klein und das Problem
wird nahezu ignoriert. Die Politik ist daher aufgerufen, das Problem der
Versauerung der Weltmeere in seiner Tragweite zu erkennen und ähnlich
weitreichende und effektive Maßnahmen umzusetzen wie beim Sauren
Regen.
4.5.1 Rolle
von CO2 im Klimaschutz neu bewerten
Die Freisetzung
von CO2 zieht besonders weitreichende Folgen
für Meeresökosysteme nach sich: Einerseits wirkt CO2
als Treibhausgas auf den Strahlungshaushalt der Atmosphäre und
trägt damit zur globalen Erwärmung und damit auch zur Erwärmung
des Meeres bei. Andererseits löst sich ein großer Teil des
durch die Menschen emittierten CO2 im Meerwasser,
wo es zusätzlich zu chemischen Veränderungen führt. Angesichts
dieser besonders schädlichen Wirkungen des CO2
auf das Meer sollte diesem Treibhausgas im Rahmen der Klimapolitik besondere
Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Handlungsbedarf
Die
Einhaltung der Leitplanke zur Versauerung des Meeres ist nur durch die
Begrenzung des Anstiegs der atmosphärischen CO2-Konzentration
möglich. Technische Lösungen, wie etwa eine Kalkung der Oberflächenschicht
des Meeres, sind angesichts der Größenordnung des Problems
unrealistisch (Raven et al., 2005). Allerdings wird sich das versauerte
Oberflächenwasser mit den Ozeanströmungen im Zeitraum von
Jahrhunderten auch in die Tiefsee mischen. Eine Handlungsoption ist
daher die Stabilisierung der atmosphärischen CO2-Konzentration,
was langfristig auch eine Versauerung der tieferen Meeres-schichten
auf das Niveau der Oberflächenschicht zur Folge hätte. Alternativ
könnte auch eine Obergrenze für die insgesamt durch die Menschen
in die Atmosphäre emittierte Menge an CO2
vereinbart werden. Dadurch könnte mittelfristig die CO2-Konzentration
in der Atmosphäre wieder absinken und eine Versauerung der Tiefsee
vermieden werden.
Rechtliche Grundlagen
Durch die derzeitigen klimapolitischen Instrumente wird der Aspekt der
Versauerung der Meere aufgrund des CO2-Eintrags
nicht berücksichtigt. Nach Ansicht des WBGU ergibt sich aber aus
der Klimarahmenkonvention (UNFCCC), dass den Auswirkungen des Klimawandels
auf die Meere Rechnung zu tragen ist, auch wenn dieser Aspekt weder
beim Abschluss der UNFCCC im Vorder-grund stand noch im Kioto-Protokoll
bei der Festlegung der Reduktions-verpflichtungen erfasst wurde. Nach
Art. 1 Abs. 3 UNFCCC ist nämlich unter „Klimasystem“
die Gesamtheit der Atmosphäre, Hydrosphäre, Biosphäre
und Geosphäre inklusive deren Wechselwirkungen zu verstehen. Der
Begriff „Klimasystem“ ist demnach so umfassend definiert,
dass auch die Meere, die einen Teil der Hydrosphäre darstellen,
eingeschlossen sind, ebenso wie die Wechselwirkungen der Meere mit der
Atmosphäre und der Biosphäre.
Die
Zielsetzung des Art. 2 UNFCCC, „die Stabilisierung der Treibhausgas-konzentrationen
in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche
anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird“, beinhaltet
damit auch die Auswirkungen des Treibhausgasanstiegs auf die Meere.
Im Falle der Versauerung kann die Bedeutung des Art. 2 UNFCCC folgendermaßen
konkretisiert werden: CO2 ist ein Treibhausgas,
und eine übermäßig hohe CO2-Konzentration
in der Atmosphäre hat eine gefährliche Störung der Meeresökosysteme
zu Folge, denn CO2 löst sich im Wasser und
führt zu Versauerung (Kap. 4.1 und 4.3). Die Meere gehören
zur Hydrosphäre und die Meereslebewesen sind Bestandteil der Biosphäre.
Es geht bei dem Problem der Versauerung also um eine Interaktion zwischen
Atmosphäre, Hydrosphäre und Biosphäre, die allesamt Bestandteile
des Klimasystems sind (Art. 1 Abs. 3 UNFCCC). Zu den Zielsetzungen der
Konvention gehört damit eindeutig, eine gefährliche Versauerung
der Meere zu verhindern. Außerdem hält Art. 2 UNFCCC u. a.
fest, dass sich die Ökosysteme den Klimaänderungen auf natürliche
Weise anpassen können sollen. Die Einhaltung dieser Vorgabe ist
bei der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit der Versauerung in Zweifel
zu ziehen: Die Anpassungsfähigkeit mariner Ökosysteme kann
beispielsweise dann überfordert werden, wenn die Aragonitsättigungshorizonte
im Südlichen Ozean bis an die Oberfläche steigen (Kap. 4.3).
Damit ist unmittelbarer Handlungsbedarf gegeben, die Versauerung zu
begrenzen und im Rahmen der UNFCCC entsprechende Maßnahmen zu
vereinbaren.
Empfehlungen
Vor diesem Hintergrund plädiert der WBGU dafür, in der Klimapolitik
alle Auswirkungen auf den Lebensraum Meer zu beachten. Bei den anstehenden
Verhandlungen über die zweite Verpflichtungsperiode des Kioto-Protokolls
sollte sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass die direkten
negativen Auswirkungen der CO2-Emissionen auf
das Meer berücksichtigt werden. Die angestrebte Stabilisierung
der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre sollte deshalb
so ausgerichtet sein, dass die Versauerung der Meere angemessen begrenzt
wird. Dazu sollte CO2 nicht nur als Teil eines
Korbs verschiedener Treibhausgase betrachtet werden. Vielmehr sollte
unabhängig von der Reduktion anderer Treibhausgase auch die Stabilisierung
der atmosphärischen CO2-Konzentration auf
einem Niveau sichergestellt werden, das die Einhaltung der Versauerungsleitplanke
erlaubt (Kap. 4.4).
Unter
Umständen müsste dafür zusätzlich zu den bestehenden
Reduktions-verpflichtungen eine Obergrenze für CO2-Emissionen
der einzelnen Staaten bzw. Staatengruppen definiert werden, die diese
dann komplementär zu den sonstigen Verpflichtungen einzuhalten
hätten. Im Einzelnen wären die genauen Wirkungen dieser und
möglicher weiterer Instrumente noch zu klären; hier dürfte
insbesondere auch dem Anpassungsbedarf der bestehenden flexiblen Mechanismen
(Emissionshandel, Clean Development Mechanism und Joint Implementation)
eine besondere Bedeutung zukommen.
Die
Festlegung einer eigenen Obergrenze für CO2
wäre hingegen dann nicht notwendig, wenn sich die Staaten auf eine
Reduktion der Treibhausgas-emissionen einigten, die die Einhaltung der
WBGU-Klimaschutzleitplanke gewährleistete, und wenn sich der Anteil
von CO2 an den Treibhausgas-emissionen nicht
wesentlich veränderte. In diesem Fall wäre die dafür
notwendige CO2-Reduktion aller Wahrscheinlichkeit
nach ausreichend, um eine Überschreitung der Versauerungsleitplanke
zu vermeiden.
4.5.2 Emissionen
aus der Schifffahrt berücksichtigen
Um die
Stabilisierung der atmosphärischen CO2-Konzentration
zu erreichen, sollten die CO2-Emissionen durch
den Seeschifffahrt und den internationalen Luftverkehr stärker
in Emissionsreduktionsstrategien integriert werden. Für beide Bereiche
sind bisher keine quantitativen Reduktionsverpflichtungen vereinbart
worden. Der WBGU empfiehlt diese Regelungslücken zu schließen,
indem die durch den internationalen Luft- und Schiffsverkehr verursachten
CO2-Emissionen in Verhandlungen über zukünftige
Reduktionsverpflichtungen im Rahmen des Kioto-Prozesses einbezogen werden.
Nach bisherigen Schätzungen machen die weltweiten CO2-Emissionen
aus der Schifffahrt rund 2 % der globalen Emissionen aus. Im letzten
Jahrzehnt sind sie mehr als doppelt so schnell gestiegen wie die Gesamtemissionen
(Bode et al., 2002; IEA, 2002). Dies verdeutlicht den dringenden Handlungsbedarf.
Neben
der Emission von CO2 trägt die Seeschifffahrt
auch durch Einträge von Schadstoffen, Nährstoffen und Sedimentpartikeln
zu Belastungen der Meeres- und Küstenökosysteme bei. Vor diesem
Hintergrund bietet die Regulierung der Seeschifffahrt einen Anknüpfungspunkt
für eine Verbindung von Klima- und Meeresschutz auf der Instrumentenebene.
Aufgrund
der relativen Umweltfreundlichkeit und der ökonomischen Bedeutung
des Seeverkehrs muss eine Regulierung nicht auf die Verringerung des
Schiffsverkehrsaufkommens abzielen. Vielmehr geht es darum, Anreize
für technologische Innovationen und Verbesserungen im Umweltmanagement
zu schaffen, die sowohl die Belastung der Meere reduzieren als auch
zur Vermeidung von CO2-Emissionen beitragen.
Der WBGU empfiehlt zu diesem Zweck, Entgelte für die Nutzung der
Meere durch die Seeschifffahrt zu erheben (WBGU, 2002).
Mit
diesem Instrument wird der Zusammenhang zwischen der Nutzung der Umweltgüter
„Meer“ und „Atmosphäre“ und deren nutzungsabhängige
Beeinträchtigung verdeutlicht. Ein Entgelt spiegelt die Knappheit
der Umweltgüter und die Kosten ihrer Bereitstellung wider. Die
Wirtschaftsakteure, die durch ein Entgelt belastet sind, haben einen
Anreiz, ihre Nutzung der globalen Umweltgüter anzupassen und nachhaltiger
zu gestalten (WBGU, 2002).
Mögliche
Ausgestaltungen eines Nutzungsentgelts hat der WBGU detailliert beschrieben
(WBGU, 2002). Auf Basis eines allein für den EU-Raum vorgeschlagenen
Entgelteregimes ließe sich ein jährliches Aufkommen von 0,4–0,7
Mrd. Euro erzielen. Der WBGU schlägt eine Verwendung der erzielten
Mittel zum Meeresschutz vor, da so ein sachlicher Zusammenhang zwischen
der Belastung und Entlastung der Meere hergestellt wird (WBGU, 2002).
4.6 Forschungsempfehlungen
Versauerung
und Meeresökosysteme
Die physiologischen Effekte der Versauerung auf Meeresorganismen, insbesondere
auf Kalkbildner, und die Auswirkungen im Meeresökosystem sind nur
unzureichend verstanden. Physiologische Versuche mit moderat erhöhten
CO2-Konzentrationen und Experimente zur Wirkung auf marine Nahrungsnetze
(trophische Kopplung zwischen Phytoplankton, Zooplankton und Fischen)
sowie Untersuchungen möglicher Anpassungsprozesse, physiologischer
Art auf evolutionärer Basis sind erforderlich.
Biogene Kalkbildung und Kohlenstoffkreislauf
Das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen kalkbildendem Plankton,
der biologischen Pumpe und dem globalen Kohlenstoffkreislauf ist ähnlich
lückenhaft, so dass eine Modellierung des Nettoeffekts noch nicht
möglich ist. Deshalb sollten u. a. Modellstudien über die
versauerungsbedingte Reduktion der biologischen Exportproduktion aufgrund
verringerten mineralischen Ballasts (Kalkschalen) durchgeführt
werden.
Weitere Auswirkungen des Klimawandels
Die Versauerung ist wahrscheinlich nur eine von vielen Veränderungen,
die sich in der Biogeochemie der Ozeane durch anthropogene Treibhausgasemissionen
bzw. durch den Klimawandel ergeben wird. Andere Aspekte, wie die Auswirkungen
auf Sauerstoffbilanz und Nährstoffversorgung der Meere, sind kaum
verstanden und sollten dringend erforscht werden, um rechtzeitig mögliche
kritische Entwicklungen erkennen zu können.
Zukünftige CO2-Aufnahme durch den Ozean
Die CO2-Aufnahme durch den Ozean spielt eine Schlüsselrolle beim
Klimawandel. Daher sollte den Wechselwirkungen zwischen dem atmosphärischen
Strahlungshaushalt, der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre
und den physikalischen, chemischen und biologischen Änderungen
im Ozean verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Internationale Forschungsprogramme
Die Förderung von Projekten zu den oben genannten Fragen der internationalen
Forschungsprogramme (z. B. SOLAS, 2004; IMBER, 2005) ist zu empfehlen.
CO2 und Klimaschutz
Falls sich eine eigene Reduktionsverpflichtung für CO2 als notwendig
erweist, sind Möglichkeiten der Ausgestaltung zu entwickeln und
zu bewerten. Weiter sind die sich hieraus ergebenden Implikationen für
die flexiblen Mechanismen des Kioto-Protokolls (insbesondere CDM und
Emissionshandel) zu untersuchen.
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