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Sondergutachten
an die Bundesregierung übergeben
Über
Kioto hinaus denken: Klimaschutzstrategien für das 21. Jahrhundert
Sondergutachten
zur 9. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention vom 1.-12.12.2003
in Mailand
Berlin, 25. November 2003. Der Wissenschaftliche
Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)
übergibt heute ein neues Sondergutachten "Über Kioto hinaus
denken: Klimaschutzstrategien für das 21. Jahrhundert" an die
Bundesminister Edelgard Bulmahn (BMBF)
und Jürgen Trittin (BMU). In dem
Gutachten betonen die Wissenschaftler, dass gefährliche Klimaänderungen
nur noch vermeidbar sind, wenn die derzeit international vereinbarten
Klimaschutzziele deutlich höher als bisher gesetzt werden. Insbesondere
muss der vom Menschen verursachte Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050
global um etwa 45-60% gegenüber 1990 gesenkt werden. Dies bedeutet,
dass die Industrieländer ihren Ausstoß von Treibhausgasen bis
2020 um mindestens 20% verringern müssen. Bis 2012 haben sie sich
dazu verpflichtet, die Emissionen bezogen auf 1990 um 5% zu reduzieren.
Nur noch 1,4 °C weitere Erwärmung tolerierbar
Der zur Vermeidung gefährlicher Klimaänderungen verbleibende
Spielraum hat sich in den vergangenen Jahren weiter verringert. Der WBGU
weist darauf hin, dass nur noch eine globale Erwärmung um weitere
1,4 °C tolerierbar ist. Seit Beginn der Industrialisierung hat sich
die globale Mitteltemperatur bereits um 0,6 °C erhöht. Ab einer
Erwärmung um mehr als 2 °C (und einer Änderungsrate von
mehr als 0,2 °C pro Jahrzehnt) werden gefährliche Klimaänderungen
sehr wahrscheinlich. Ohne eine konsequente Klimaschutzpolitik wird diese
Grenze im 21. Jahrhundert überschritten. Zu den Folgen gefährlicher
Klimaänderungen zählt der WBGU beispielsweise zunehmende Gesundheitsgefährdungen
durch Ausbreitung von Malaria, eine erhöhte Gefahr von Ernteausfällen
in der Landwirtschaft, die Verknappung von Süßwasser durch
Häufung von Dürren oder den Beginn einer Kaltphase im atlantisch-europäischen
Raum durch den Ausfall des Golfstroms.
Verpflichtungen gerecht gestalten
Globale Klimaschutzpolitik ist ohne baldige Einbindung aller Länder
nicht möglich. Der Einstieg der Entwicklungsländer in Verpflichtungen
zur Emissionsbegrenzung muss nach Ansicht des WBGU so gestaltet werden,
dass sie ihr Recht auf Entwicklung wahrnehmen können. Dies bedeutet,
eine vorübergehende Zunahme ihrer Emissionen zuzulassen. Gleichzeitig
müssen die Industrieländer ihren Anteil am globalen Kohlendioxidausstoß
weiter senken. Dieser für beide Seiten stetige Prozess soll im Jahr
2050 zu einer Angleichung ihrer Pro-Kopf-Emissionen führen.
Keine Alternativen zum Kioto-Prozess
Für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik ist aber auch die baldige
Ratifizierung des Kioto-Protokolls durch Russland erforderlich. Angesichts
der zahlreichen Aktivitäten zum Klimaschutz in einzelnen US-Bundesstaaten
und des sich aus der Klimaschutzpolitik ergebenden innovativen wirtschaftlichen
Potentials ist zudem mittelfristig wieder mit der Unterstützung der
USA zu rechnen. Der WBGU betont, dass aufgrund mangelnder Alternativen
jedes Infragestellen des Kioto-Protokolls die globale Klimaschutzpolitik
um Jahre zurückwerfen und die Vermeidung gefährlicher Klimafolgen
äußerst erschweren würde.
Gesondertes Protokoll für natürliche Kohlenstoffvorräte
aushandeln
Um zu verhindern, dass weitere wertvolle Kohlenstoffvorräte verloren
gehen, ist eine Eindämmung der Entwaldung und der damit verbundenen
Emissionen dringend erforderlich. Das im Kioto-Protokoll vereinbarte Anrechnungsverfahren
für biologische Quellen und Senken von Treibhausgasen ist nach Ansicht
des WBGU nicht geeignet, Anreize zum Erhalt der für den Klimaschutz
wichtigen Ökosysteme zu geben. Der WBGU empfiehlt daher zusätzlich
eine vom Kioto-Protokoll getrennte Vereinbarung zum Erhalt natürlicher
Kohlenstoffvorräte auszuhandeln.
Emissionshandel durch Klimazentralbank regeln
Um extreme Preissprünge auf dem Markt für Emissionsrechte zu
glätten und damit Unsicherheiten abzufedern, empfiehlt der WBGU,
dem Emissionshandel eine "Klimazentralbank" beiseite zu stellen.
Ohne verlässliche Emissionsberichte der Länder sind ein zielgenauer
Klimaschutz und ein funktionsfähiger Emissionshandel nicht machbar.
Daher sollten nur solche Länder Emissionsrechte verkaufen können,
deren Treibhausgasinventare hohen Qualitätsanforderungen genügen.
Klimaschutz mit globaler Nachhaltigkeitspolitik verzahnen
Um das Klimaschutzziel zu langfristig niedrigen Kosten erreichen zu können,
muss die Klimaschutzpolitik kohärent mit globaler Struktur- und Entwicklungspolitik
verzahnt werden. Die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen
Industrie- und Entwicklungsländern ist eine wichtige Voraussetzung
für eine erfolgreiche globale Klimaschutzpolitik. Dazu empfiehlt
der WBGU, den Technologietransfer zu verstärken und die Märkte
für Produkte aus Entwicklungsländern weitestgehend zu öffnen.
Dieser Entwicklungsprozess wird sowohl die Kosten des Klimaschutzes langfristig
senken als auch zu geringerem Bevölkerungswachstum beitragen.
Hintergrund des Sondergutachtens
Die Staatengemeinschaft muss in den nächsten Jahren entscheidende
Weichenstellungen in der internationalen Klimapolitik vornehmen, wenn
gefährliche Klimaänderungen noch verhindert werden sollen. Spätestens
2005 beginnen die Verhandlungen zur 2. Verpflichtungsperiode des Kioto-Protokolls,
vorausgesetzt es ist bis dahin in Kraft getreten. In der bestehenden Form
ist die Wirkung dieser Vereinbarung noch zu gering. Selbst wenn die Industrieländer
(Anlage-I-Staaten) die 5%-ige Emissionsreduktion erreichen, würde
die erwartete globale Temperaturerhöhung nur geringfügig gedämpft.
Die Verpflichtungsperiode 2008-2012 ist nur der erste Schritt, dem weitere
folgen müssen.

Übergabe
des Sondergutachtens
Personen
vlnr: Prof. Dr. Schulz-Baldes, Prof. Dr. Nuscheler, Prof. Dr. Kulessa,
Bundesminister Trittin, Bundesministerin Bulmahn, Prof. Dr. Dr. Sauerborn,
Prof. Dr. Graßl.
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Sie Ihre Rückfragen an:
Geschäftsstelle
WBGU
Reichpietschufer 60-62, 8. OG
10785 Berlin
Tel. 030 263948
12
Fax 030 263948 50
Email: wbgu@wbgu.de
Diese Presseerklärung
und alle Gutachten können im Volltext aus dem Internet bezogen werden (http://www.wbgu.de/).
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