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Übergabe
des Jahresgutachtens 1998
Von
Damokles zu Kassandra: Eine Neubewertung globaler Umweltrisiken
Globale Risikopolitik nach Risikotypen gestalten Haftungsrecht
weltweit angleichen Mindestmaß an Grundlagenforschung sichern
Vielfalt der Risikoforschung gewährleisten "Rat
für die Bewertung globaler Risiken" einrichten Armutsbekämpfung
stärken Risikoanfälligkeit vermindern Mitwirkung
bei Standortentscheidungen Risiken strategisch eingrenzen
Bonn,
den 12. März 1999. Der "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung
Globale Umweltveränderungen" (WBGU)
übergibt heute sein Jahresgutachten an das Bundesministerium
für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und das Bundesministerium
für Bildung und Forschung. In seinem Bericht "Welt
im Wandel Strategien zur Bewältigung globaler Umweltrisiken"
kommen die Experten zu dem Ergebnis, daß die Risiken des Globalen
Wandels die internationale Politik zunehmend herausfordern.
Allein
1997 gab es weltweit über 13 Millionen Flüchtlinge. Hochwasser,
Dürren oder Stürme gefährden in diesem Jahr wieder Millionen
von Menschen. Auch geophysikalische Risiken wie Erdbeben oder Meteoriteneinschläge
sowie Technologierisiken werden durch die wachsende Zahl verwundbarer
Menschen immer mehr zur Gefahr. Diese Risiken bedrohen unsere natürlichen
Lebensgrundlagen. Sie entstehen beispielsweise durch den Klimawandel,
den Verlust der biologischen Vielfalt, die Bodendegradation, die zunehmende
Verstädterung, das Bevölkerungswachstum oder Technologieentwicklungen.
Um
diese Risiken für die Völkergemeinschaft so gering wie möglich
zu halten, empfehlen die Wissenschaftler übergreifende Maßnahmen
für die internationale Politik. Hierzu zählen eine weltweite
Angleichung des Haftungsrechts, die Schaffung von Umwelthaftungsfonds
sowie die Einrichtung eines "Rats für die Bewertung globaler
Risiken" ("UN Risk Assessment Panel") im Rahmen der Vereinten
Nationen. Der Beirat betont aber auch, daß die Politik grundsätzlich
so nah wie möglich an den Risikoverursachern ansetzen muß.
Erst wenn Versicherungen oder der Einsatz von Umwelthaftungsfonds wirkungslos
sind, sollten die einzelnen Regierungen oder die Völkergemeinschaft
tätig werden. Außerdem dringen die Wissenschaftler auf eine
verbesserte Forschungsförderung und die Sicherstellung einer unabhängigen
Grundlagenforschung.
Globale
Risikopolitik nach Risikotypen gestalten
Bei der
Vielzahl möglicher Einzelrisiken kann es nach Ansicht des WBGU keine
einheitliche Strategie zur Risikovorbeugung geben. Es ist nicht möglich,
für jedes denkbare Risiko eine eigene Strategie zu fordern. Dies
würde die gesellschaftliche Entwicklung lähmen, zumal zukünftige
Entwicklungschancen ohne Risikobereitschaft undenkbar sind. Aus diesem
Grund hat der Beirat sechs Risikotypen beschrieben und für jeden
Typ eine eigene Rahmenstrategie entwickelt.
Die neuen
Risikotypen
Risikotyp
"Zyklop"
Zu
den Risiken des "Zyklop-Typs" zählen Naturkatastrophen
wie Überschwemmungen, Dürren oder Vulkanausbrüche sowie
Seuchen oder krebserregende Stoffe in geringen Dosen, aber auch der mögliche
Zusammenbruch des Golfstroms aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels.
Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist weitgehend unbekannt, der mögliche
Schaden dagegen bestimmbar. Eine übergreifende Strategie bei diesem
Risikotyp ist, die Forschung und Beobachtung zu intensivieren, um Eintrittswahrscheinlichkeit
und mögliche Schäden zukünftig besser abschätzen zu
können. Auch sollten die Fähigkeiten der Betroffenen zur Risikoabwehr
und die internationale Katastrophenvorsorge verbessert werden. Hierzu
ist besonders ein "Rat für die Bewertung globaler Risiken"
geeignet. Zyklopen oder "Rundaugen" waren in der antiken Mythologie
einäugige Riesen. Mit nur einem Auge läßt sich nur eine
Seite der Wirklichkeit erfassen.
Risikotyp
"Pythia"
Ein weiterer Risikotyp wurde nach der blinden Seherin des Orakel
von Delphi, Pythia, benannt. Zwar wurde in Pythias Weissagungen deutlich,
wenn eine möglicherweise große Gefahr drohte, die genaueren
Umstände blieben jedoch verborgen, so daß Pythias Antworten
letztlich unklar blieben. Bei diesem Risikotyp sind der mögliche
Schaden und die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens ungewiß. Beispiele
für den Risikotyp Pythia sind bestimmte gentechnische Eingriffe oder
die Freisetzung transgener Pflanzen. Dieser Risikotyp eignet sich vielfach
für Fondslösungen, da er kaum versicherbar ist und die Schadenshöhe
globale Ausmaße annehmen kann. Vor allem aber sollte hier das Wissen
in der Grundlagenforschung verbessert werden. Der Beirat empfiehlt zudem,
eine Strategie der begrenzten Einführung von langlebigen Stoffen
zu entwickeln und Überwachungssysteme einzurichten.
Risikotyp
"Damokles"
Beim
Risikotyp "Damokles" kann der mögliche Schaden sehr hoch
sein. Die Wahrscheinlichkeit, daß er aber eintritt, ist sehr gering.
Neben Meteoriteneinschlägen können viele Großtechnologien
diesem Risikotyp zugeordnet werden, wie beispielsweise große Chemiefabriken,
Megastaudämme oder Kernkraftwerke. Für diese Risiken empfiehlt
der Beirat drei zentrale Strategien: zunächst durch Forschung und
technische Maßnahmen das Katastrophenpotential reduzieren, dann
die Resilienz, d.h. die Robustheit des Systems gegen Überraschungen
stärken, und schließlich ein effektives Katastrophenmanagement
sicherstellen. Damokles mußte einst ein Gastmahl unter einem Schwert
einnehmen, das nur an einem hauchdünnen Faden befestigt über
ihm hing. Chance und Risiko hingen für Damokles eng zusammen.
Risikotyp
"Pandora"
Die
weltweite Verbreitung von chemischen Stoffen und ihre Anreicherung in
Organismen steht beim Risikotyp "Büchse der Pandora" im
Vordergrund. Oft sind die Auswirkungen dieser Risiken noch unbekannt bzw.
es gibt bestenfalls Vermutungen über ihre mögliche schädliche
Wirkung. Beispiele für diesen Risikotyp sind die das Schädlingsbekämpfungsmittel
DDT oder hormonell wirksame Stoffe. Hier empfiehlt der Beirat die Entwicklung
von Ersatzstoffen, die Anwendungsbegrenzung langlebiger Stoffe mit unbekanntem
Risikopotential auf überschaubare Räume und die Risikostreuung
durch Erhöhung der Vielfalt angewendeter Verfahren und eingesetzter
Stoffe. Die Büchse der Pandora enthielt Übel, die, solange die
Büchse ungeöffnet blieb, keinen Schaden anrichten konnten. Sobald
sie geöffnet wurde, konnten sich die Übel auf der ganzen Welt
verteilen.
Risikotyp
"Kassandra"
Beim
Risikotyp "Kassandra" liegt zwischen der Verursachung und dem
Schadenseintritt eine relativ große Zeitspanne. Die langfristigen
Folgen des sich abzeichnenden globalen Klimawandels müssen ebenso
zu dieser Risikogruppe gerechnet werden wie die schleichende Beeinträchtigung
der Ökosysteme durch Veränderung der Stoffkreisläufe. Bei
diesem Risikotyp wird empfohlen, daß durch kollektive Selbstverpflichtung
und Förderung langfristig angelegter globaler Institutionen, wie
dem vorgeschlagenen "Rat für die Bewertung globaler Risiken",
die Verantwortung der Staatengemeinschaft für zukünftige Generationen
gestärkt wird. Hierzu zählt auch die Information der Öffentlichkeit
über die Folgen des Nichthandelns. Zur Reduktion dieser Risiken sind
Mengenbegrenzungen, die Entwicklung von Ersatzstoffen, aber auch Zertifikatlösungen
geeignet. Kassandra, eine Seherin der Troer, sagte eine Niederlage gegen
die Griechen voraus, wurde von ihren Landsleuten aber nicht ernst genommen.
Niemand wollte die erst in weiterer Zukunft liegende Bedrohung wahrhaben.
Risikotyp
"Medusa"
Ein
Sonderfall ist der Risikotyp "Medusa", bei dem die Gefahren
öffentlich als weit größer eingeschätzt werden, als
sie wirklich sind. Ein Beispiel ist die Sorge um die krebserzeugende Wirkung
von ionisierender oder elektromagnetischer Strahlung in geringer Konzentration,
die sich statistisch nicht nachweisen läßt. Hier sieht der
Beirat Bedarf für mehr Vertrauensbildung und Wissensverbesserung,
um die verbleibenden Unsicherheiten, wenn möglich, auszuräumen.
Letztlich müssen die betroffenen Menschen bei der Abwägung von
Risiken selbst entscheiden, inwieweit sie den oft wenig begründeten
Ängsten in der allgemeinen Öffentlichkeit mehr Gewicht beimessen
als etwa den nachgewiesenen Schadenspotentialen. Die Medusa war, so der
antike Mythos, eine von drei grausamen Gorgonenschwestern, deren Anblick
allein schon einen Menschen zu Stein werden ließ. Ähnlich wie
die Gorgonen als nur imaginäre Sagengestalten für die Griechen
des Altertums Angst und Schrecken verbreiteten, so wirken auch manche
neuartige Phänomene auf den modernen Menschen.
Übergreifende
Instrumente der Risikopolitik
Haftungsrecht
weltweit angleichen
Nach
Ansicht der Wissenschaftler ist Zukunftsfähigkeit weniger ein definierbares
Ziel als vielmehr ein Auftrag an die heute lebenden Menschen, Strukturen
zu schaffen, die eine Gesellschaft in die Lage versetzen neu entstehende
Risiken rechtzeitig zu erkennen und Anpassungsreaktionen auszulösen.
Zukunftsfähige Gesellschaften müssen innovationsfreudig und
lernend sein sowie über Anreize verfügen, um Risiken vorbeugend
aufspüren und bewältigen zu können. Neben der Förderung
der Grundlagenforschung verlangt dies auch die Durchsetzung des Haftungsprinzips.
Die Haftung ist die zentrale Strategie für alle Risiken, die sich
als versicherbar erweisen. Hierzu muß das Haftungsrecht international
angeglichen werden, um die Abwanderung von Risikoverursachern in "Haftungsoasen"
zu vermeiden. Umwelthaftungsfonds sind zu erwägen, wenn das Risiko
nicht versicherbar ist.
Mindestmaß
an Grundlagenforschung sichern
Die
Wissenschaftler stellen weiterhin fest, daß nur durch eine kontinuierliche
Förderung der hierzulande hohe Standard in der Forschung zu globalen
Risiken, von der Technikfolgenabschätzung bis hin zur globalen Umweltsystemanalyse,
gehalten bzw. angehoben werden kann. Schwieriger ist es, wenn es um das
Management noch unbekannter Risiken geht: Hier ist eine klar definierte,
zielorientierte Verbesserung des Wissens über globale Risiken nicht
möglich. Eine Sensibilität für noch unbekannte Risiken
kann sich nur dort entwickeln, wo sich durch eine breit gefächerte
Grundlagenforschung der Erkenntnisvorrat ohne direkten Verwertungsbezug
laufend erneuert und erweitert. Diese Forschung wird Risiken erkennbar
machen, die gegenwärtig noch unbekannt sind.
Vielfalt
der Risikoforschung gewährleisten
Weiterhin weist der Beirat darauf hin, daß Forschung von
Vielfalt und Konkurrenz lebt: Es wäre eine gefährliche Illusion
anzunehmen, daß Grundlagenforschung durch Vermeidung von Doppel-
und Mehrfacharbeiten "verschlankt" werden könnte. Vielmehr
ist eine Perspektivenvielfalt nötig, um den Raum der möglichen
Risiken hinreichend sorgfältig untersuchen zu können.
"Rat
für die Bewertung globaler Risiken" einrichten
Um die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft für
den Umgang mit den Risiken des globalen Wandels zu verbessern, empfiehlt
der Beirat einen "Rat für die Bewertung globaler Risiken"
bei den Vereinten Nationen, etwa beim UN-Umweltprogramm (UNEP), einzurichten.
Dieser sollte die Frühwarnung und die Überwachung von Umweltrisiken
verbessern, das Wissen über diese Risiken fördern und weltweit
verfügbar machen sowie zur Entwicklung von Bewertungsverfahren beitragen.
Zudem sollte der Rat als Mittler zwischen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen,
Wirtschaftsverbänden und der Politik dienen, indem Eingaben von Nichtregierungsorganisationen
zugelassen und wissenschaftlich bewertet werden können. Eine wichtige
Aufgabe sollte zudem die Information der Öffentlichkeit sein.
Armutsbekämpfung
stärken
Der
Beirat betont, daß eine wirksame Risikovorsorgepolitik auch bei
den Verstärkern von globalen Risiken ansetzen muß. Selbsthilfeorientierte
Armutsbekämpfung ist ein wichtiger Teil einer solchen Vorsorgepolitik,
weil sie nicht nur auf Breitenwirkung abzielt, sondern auch auf strukturelle
Reformen in Staat und Gesellschaft. So kann das mögliche Schadensausmaß
globaler Risiken deutlich gesenkt werden.
Risikoanfälligkeit
vermindern
Das
Wissen über Risiken des Globalen Wandels und die Fähigkeit zu
einem wirksamen Umgang mit Risiken sind global äußerst ungleich
verteilt. Der Beirat sieht solche weltweiten Unterschiede insbesondere
bei der Erfassungs- und Bewertungskapazität, bei der Managementkompetenz
sowie bei der Anfälligkeit gegenüber den Risiken des Globalen
Wandels. Die Diskrepanz zwischen Verursachung und Betroffenheit ist groß,
vor allem Entwicklungsländer werden von den Risikofolgen betroffen
sein. Viele Entwicklungsländer sind nur unzureichend zur Risikobewältigung
fähig, was wirksame und rasche Reaktionen der internationalen Gemeinschaft
erschwert. Daher hat der WBGU wiederholt eine deutliche Erhöhung
der öffentlichen Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit empfohlen.
Mitwirkung
bei kritischen Standortentscheidungen
International empfiehlt der Beirat, ein Menschenrecht auf eine
gesunde Umwelt zu unterstützen. Hierbei soll den Menschen ein Recht
auf Information über umweltrelevante Vorhaben, ein Recht auf Teilhabe
bei entsprechenden Entscheidungen sowie geeignete Rechtsmittel zugestanden
werden. Wünschenswert wäre in manchen Staaten auch mehr Beteiligung
der Öffentlichkeit an besonders kritischen Standortentscheidungen
oder generell an der Einführung oder Erhaltung umstrittener Technologien.
Hierdurch können bereits vor der Einführung neuer Technologien
Veränderungen vorgenommen werden, die die Sichtweisen der Menschen
stärker berücksichtigen.
Risiken
strategisch eingrenzen
Teil einer globalen Risikovorsorgepolitik sollte aus der Sicht
der Wissenschaftler eine Strategie der "Eingrenzung von Risiken"
sein. Vielfach werden die Auswirkungen gravierender globaler Risiken noch
nicht ausreichend verstanden, aber dennoch muß politisch reagiert
werden. Hier sollten auf der Grundlage des vorhandenen Wissens politische
Entscheidungen "stufenweise" getroffen werden, um bei verbesserter
Wissensgrundlage die gewählten Strategien zu verfeinern. Vorbild
ist die Arbeit des Zwischenstaatlichen Ausschusses über die Klimaänderungen
(IPCC), der die Staaten zum globalen Klimaschutz wissenschaftlich berät.
Der WBGU
Der WBGU wurde im Frühjahr 1992 als unabhängiges Beratergremium
von der Bundesregierung eingerichtet. Hintergrund war die wachsende Sorge
um die Bewahrung der natürlichen Lebens- und Entwicklungsgrundlagen
der Menschheit und die Einsicht, daß internationales Handeln immer
dringlicher wird. Der Beirat beschreibt in jährlichen Berichten die
globale Umweltentwicklung und die daraus folgenden gesellschaftlichen
Probleme. Dabei sollen besonders die 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio
de Janeiro behandelten internationalen Vereinbarungen und die Agenda 21
berücksichtigt werden. Außerdem geben die Gutachten konkrete
Empfehlungen für umweltpolitisches Handeln und für Forschungsprogramme.
Bisher erschienen in der Reihe Welt im Wandel folgende Jahresgutachten:
"Grundstruktur globaler Mensch-Umwelt-Beziehungen"
(1993), "Die Gefährdung der Böden"
(1994), "Wege zur Lösung globaler
Umweltprobleme" (1995), "Herausforderung für die deutsche Wissenschaft"
(1996) und "Wege zu einem nachhaltigen
Umgang mit Süßwasser" (1997). Das Jahresgutachten
1998 trägt den Titel "Strategien
zur Bewältigung globaler Umweltrisiken". Der WBGU hat außerdem
zu den Klimagipfeln in Berlin (1995), Kyoto
(1997) und Buenos Aires (1998)
Sondergutachten vorgelegt.
Bitte richten
Sie Ihre Rückfragen an:
Geschäftsstelle
WBGU
Reichpietschufer 60-62, 8. OG
10785 Berlin
Tel. 030 263948
12
Fax 030 263948 50
Email: wbgu@wbgu.de
Diese Presseerklärung
und alle Gutachten können im Volltext aus dem Internet bezogen werden (http://www.wbgu.de/).
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